Dem Karlsruher SC bescherte Ioannis Masmanidis besondere Momente. Besonderen Stolz verspürt er deshalb noch lange nicht.Als Ioannis Masmanidis eine halbe Stunde zu spät zum Interview erscheint, entschuldigt er sich mehrmals für seine Unpünktlichkeit. Die Mannschaftskollegen, mit denen er sich zum Essen traf, hätten darauf bestanden, noch ein Weilchen länger mit ihm zu speisen, Interview hin oder her. Das Ganze ist schnell vergessen, spricht doch das Begehren der neuen Teamkameraden für eine besonders schnelle und gelungene Integration in den Kader des DSC. Nach einer Stunde Gesprächszeit steht fest, warum die Mitspieler ungern auf Masmanidis Anwesenheit verzichten. Freundliches Wesen und ungekünsteltes Understatement des deutschen U21-Nationalspielers mit griechischen Wurzeln stechen hervor. Wie man im Interview erfährt, eine im Hause Masmanidis typische Mentalität. „Mein Vater und meine Familie haben immer darauf geachtet, dass ich bodenständig bleibe“, verweist der 22-Jährige auf den großen Anteil seiner Verwandtschaft an seinem bis dato erfolgreichen Werdegang. Überhaupt bilden Freunde und Familie den Lebensmittelpunkt von Masmanidis, der seine freie Zeit überwiegend mit denen verbringt, die ihn umgeben. Seine erste Bezugsperson ist nach wie vor sein Vater, der zwar nie höherklassig Fußball spielte, ihm jedoch einige Tricks beibrachte, „die mir in der Jugend von Bayer Leverkusen“, wo Masmanidis 16 Jahre spielte, „enorm geholfen haben“. Viel mehr schätzt er jedoch, dass der Vater ihm den nötigen Respekt vor seinem großen Talent einimpfte und ihn lehrte, pfleglich damit umzugehen. Im Gegensatz zu manch anderem Spieler, der schon früh zu Höherem berufen scheint, habe er sich stets den vielen Versuchungen widersetzt, die falsche Freunde und juveniler Übermut mit sich bringen. Mit seinem Credo, Talent sei ein Teil, harte Arbeit jedoch alles, spricht er jedem Nachwuchstrainer aus dem Herzen.Doch was heißt eigentlich Talent? Es ist ein Begriff, den Ioannis Masmanidis eher ungern hört. Natürlich habe er in Karlsruhe schon bewiesen, dass er es zu etwas bringen kann, aber darum gehe es nicht. „Ich finde es nicht richtig, wenn man von jungen und alten Spielern spricht“, für ihn gibt es nur „gute und schlechte Fußballer“. Dass Arminia Bielefeld schon viele Kicker in seinem Alter groß herausgebracht hat, sei gut und schön. Doch „ich will hier Leistung bringen, mich beweisen“ - und eben nicht aufgrund seines Alters eingesetzt werden. Eine weitere Bezeichnung, die dem Linksfuß wenig behagt, ist die des so genannten Stars. Als handele es sich um eine üble Krankheit, versucht er, die exponierte Stellung, die er beim Zweitligisten Karlsruhe zweifellos besaß, wegzureden. Lieber spricht er von vielen kleinen Mosaiksteinchen, die erst zusammengesetzt ein Bild ergeben. Fraglich bleibt jedoch, ob der KSC auch ohne seine vier Tore, fünf Vorlagen und etlichen schönen Pässe zum Aufstiegsaspiranten avanciert wäre. Auch der letztjährige Klassenerhalt der Karlsruher ist eng mit dem Namen Masmanidis verbunden. Erst nach der Hinrunde 2003/2004, die die Badener auf dem vorletzten Tabellenplatz abschlossen, stieg der Stern des 1,74m großen Technikers auf. Den Preis bezahlte der ehemalige UEFA-Cup-Teilnehmer mit dem gesteigerten Interesse mehrere Bundesligisten am Spielmacher, der von der linken Seite gerne nach innen zieht und den der „Kicker“ unlängst zu einem der besten Außenbahnspieler der zweiten Liga kürte. Eine Entwicklung, die so vor zwei Jahren noch nicht abzusehen war. Damals spielte Masmanidis für Bayer Leverkusen, besser gesagt für die Reserve der Werkself. Zwar trainierte er regelmäßig unter Klaus Augenthaler, stand etliche Male im Kader und galt als Verheißung für die Zukunft, doch mehr als ein 15-minütiger Einsatz gegen den SC Freiburg fiel nicht für ihn ab. „Damals holte man in Leverkusen einen Star nach dem anderen, da war es schwer, in die Mannschaft zu kommen.“ Trotzdem: Nur einmal Bundesliga und dann nie wieder, so hatte sich Masmanidis seine Karriere nicht vorgestellt. „Also musste ich handeln. Karlsruhe hat sich damals ähnlich um mich bemüht wie zuletzt der DSC“, erklärt er den auf die Ligazugehörigkeit bezogenen Schritt zurück, der ihn weit nach vorne bringen sollte. Dass er heute vom Nachwuchsfachmann Michael Skibbe und der bewussten Verjüngung des Leverkusener Kaders profitieren würde, lässt ihn unberührt. „Was nutzt es, über etwas nachzudenken, das man nicht ändern kann?“ Genauso wenig möchte er über eine mögliche Zukunft als griechischer Nationalspieler sinnieren, bloß weil Bundestrainer Rehhagel ihn angeblich beobachten lässt. Zurzeit spielt Masmanidis für Deutschland. Zwar nur für den Nachwuchs, doch schließlich wird der Unterschied zwischen jung und alt ohnehin überbewertet.Zur Person:Der KSC wird Masmanidis auch wegen seiner Qualitäten bei Standards vermissen. Den Freistoßtreffer in seinem letzten Heimspiel für die Badener beim 4:2 gegen den VfL Bochum im Dezember wählten die Zuschauer der ARD-Sportschau zum „Tor der Woche“.
Quelle: Text aus HALBVIER Ausgabe 11 05/06 (Clubmagazin des Arminia Bielefeld)